Amts-Maraton


Im Jahr 2018 hatte die Regierung beschlossen, dass es nun biometrische Führerscheine geben soll. Jeder musste bis Ende März 2019 seinen Fahrausweis neu gemacht haben. Und wie immer, wenn es um Amtliches geht, wird es kompliziert und langwierig. Hier meine Geschichte:

Zu liefernde Dokumente waren: Blutgruppenausweis, ID oder Pass, alter, noch gültiger Fahrausweis, Aufenthalts-Zertifikat und 10’000CFA in bar. Und alle Dokumente im Original mit einer Kopie zusätzlich.

Gut, dann galt es zuerst den Blutgruppen-Ausweis zu erneuern. Dazu musste ich zum staatlich anerkannten Labor in der Stadt fahren. Es befindet sich im Plateau, der City von Dakar. Beim ersten Versuch war ich leider zu spät, das Labor nahm keine Proben mehr ab. Also musste ich noch einmal ins Zentrum fahren. Diesmal war ich früh genug. Doch oh Schreck! Eine lange Menschenschlange bis auf die Strasse hinaus war bereits am Warten. Ich ging zum Eingang um mir Informationen zu besorgen und zu erfahren, ob diese Menschen für dasselbe anstehen wie ich. Pech, sie alle wollten den Blutgruppenausweis erneuern lassen. Resigniert stellte ich mich auf eine lange Wartezeit in der Schlange stehend, unter heisser Sonne ein. Doch dann rief mich der Mann beim Eingang und fragte, ob ich denn schon älter als 60 Jahre sei. Als ich bejahte, liess er mich ein. Anscheindend müssen Leute ab dem 60. Altersjahr nicht anstehen. War das vielleicht eine Erleichterung! Ich konnte also etwas schneller mein Blut abgeben und wurde informiert, dass ich in einer Woche wieder kommen sollte, um den Ausweis ab zu holen. Zum Glück verlief auch das unkompliziert, da beim Abholen die Warteschlange nicht sehr gross war und auch schnell voran kam. Damit hatte ich die erste Hürde genommen.

Meine ID war noch in Ordnung, so dass ich diesbezüglich nichts tun musste.

Ebenso mein Fahrausweis.

Schwieriger war es bei meinem Aufenthalts-Zertifikat. Das musste ich beim „chef du quartier“ machen lassen. Beim ersten Versuch war er nicht zu Hause. Beim zweiten Versuch erfuhr ich, dass er verreist war. Und wie es eben in Senegal üblich ist, machte man mir keine Angaben, wann er zurück sein würde. Also ging ich ein 3., 4., 5., Mal vorbei, immer mit dem gleichen Bescheid. Der Chef war verreist. Beim 6. Versuch erfuhr ich, dass er zurück war, dass er jedoch ausgegangen sei. Wieder wurde nicht gesagt, wann ich ihn endlich treffen konnte. Ich versuchte es noch ein paar Mal zu verschiedenen Tageszeiten, doch gab man mir immer wieder negativen Bescheid. Langsam wurde ich misstrauisch. War der überhaupt noch am Leben? War er wirklich noch in diesem Haus? So schickte ich Ibra, meinen Angestellten. Dieser kam dann mit der Information zurück, dass der Chef am Abend da sein würde. Endlich konnte ich mein Gesuch deponieren. Inzwischen waren seit dem 1. Versuch um die 5 Wochen vergangen! Zum Glück hatte ich früh genug begonnen, die Papiere zu beschaffen. Ich war immer noch in der Zeit, die uns von der Administation gegeben worden war. Noch eine Woche verging, bis ich endlich das Zertifikat in meinen Händen hielt.

Schnell für alles eine Kopie machen und dann ab zur Annahmestelle für den neuen Ausweis. Diese befand sich auf einem grossen Ausstellungsgelände. Ich ging so früh als möglich hin, um nicht den ganzen Tag anstehen zu müssen. Hier galt leider die 60-Jahre-Regel nicht. Aber sie hatten Zeltplanen gespannt, darunter standen Stühle, auf die man sich im Schatten setzten konnte. Zuerst jedoch begab ich mich zum Eingang, um zu fragen wie ich wissen werde, wann ich dran sei. Es gab hier keine Schlange und mir war nicht klar wie die Reihenfolge funktionierte. Bereits zu dieser frühen Stunde waren schon mindestens 50 wartende Leute dort. Der Mann an der Türe gab mir eine Nummer. Ich konnte nun also einen Stuhl im Schatten suchen. Zum Glück fand ich einen, der auch nicht sehr weit vom Nummern-Ausrufer entfernt war. Ich begann zu warten und die Menschen vor Ort zu beobachten. Sicher waren da auch schon welche, die bereits während Stunden warteten. Ein älterer Mann war eingenickt, sein Kopf sank immer wieder auf seine Brust, bis er dann wieder aufschrack und sich zurecht setzte. Er war von einem jungen Mann begleitet. Eine Dame, chick gestylt, hatte sich nicht weit von mir auf einen Stuhl gesetzt und spielte mit ihrem Handy. Viel Männer jeden Alters waren anwesend. In Kostüm/Kravatte, grossem Boubou, oder einfach in Jeans und T-Shirt. Aber es gab auch zahlreiche Frauen, oft traditionnell gekleidet, oder ganz schick nach europäischer Facon, oder auch in Jeans und Bluse. Immer mehr Menschen kamen, Die Stühle waren alle besetzt. Jetzt mussten die Leute stehend warten. Unter der Plane wurde es immer heisser. Doch immerhin konnte ich sitzten und das auch noch im Schatten. Die Nummern näherten sich laufend meiner Zahl. Doch es ging nur sehr langsam vorwärts. Bei den etwa 50 Nummern vor mir, rechnete ich nicht damit, vor Mittag an die Reihe zu kommen. Zum Glück hatte ich etwas zum Lesen dabei. So vertiefte ich mich in meine Lektüre und unterbrach ab und zu, um zu hören, welche Nummer aufgerufen wurde. Ein Mann mit Kostüm/Kravatte, der neben mir sass seufzte mehrer Male tief. Als ich aufsah, meinte er nur, dass er nicht mehr Zeit habe, zu warten. Er befand sich in einer Zwickmühle. Warten oder nochmal kommen und wieder warten. Er war ein paar Nummern vor mir, jedoch noch lange nicht an der Reihe. Er beschloss, zu warten. Und dann, endlich, endlich, wurde meine Nummer auf gerufen. Ich durfte erleichtert durch die besagte Türe gehen. Im grossen Raum, in den ich kam, sah ich verschiedene Bürotische in einer Reihe, mit Beamten dahinter, welche alle einen PC bedienten. Auf der anderen Seite wurden Fotos mit Digital-Kameras gemacht. Man winkte mich zu einem freien Platz. Ich gab meine Papiere und wurde dann geheissen, ein Foto machen zu lassen. Auch dies ging relativ schnell über die Bühne. Danach nahm der Beamte meine Personalien auf, stellte Frage um Frage. Er gab mir eine Empfangsbestätigung für mein Gesuch. Damit musste ich noch zur Kasse gehen, um die 10’000CFA ein zu zahlen. An der Kasse wurde mir mitgeteilt, dass ich in drei Wochen wieder kommen sollte, um meinen Ausweis ab zu holen. Endlich stand ich wieder vor dem Gebäude und durfte gehen!

Drei Wochen später machte ich mich auf, den neuen Ausweis ab zu holen. Der Abholort war jedoch nicht am selben Platz. Ich musste mich durchfragen, irrte ziemlich lange auf diesem grossen Ausstellungsgelände herum. Dann endlich wurde ich fündig. Aber ach, Massen von Menschen, welche ihren Ausweis holen wollten. Zum Glück waren auch hier wieder Zeltplanen aufgespannt, darunter Stühle. Ganz hinten konnte ich einen Stuhl ergattern. Beim Eingang hatte man mir bereits eine Nummer gegeben. Bei den lediglich 3 Schaltern, die geöffnet waren, stand ein Ausrufer für die Nummern. Viele Menschen standen jedoch zwischen den Schaltern und den Stühlen, so dass man den Ausrufer kaum hören konnte. Die Sicht war versperrt. Ab und zu kam ein Gendarm vorbei und scheuchte die gegen die Schalter drängenden Leute zur Seite, so dass es für uns Sitzende einfacher wurde, die Nummern zu hören. Aber bald war der Platz wieder voller dicht gerdrängter Menschen. Wieder hiess es warten. Die Frau neben mir fächerte sich ohne Unterlass mit ihrem Fächer Luft zu. Ich bekam auch davon ab. Eine Wohltat. Sie bemerkte es und lachte mir zu. Machte dann weiter. Gute Idee! Auch ich holte nun meinen Fächer aus der Tasche. Inzwischen war es brütend heiss geworden. Der Schweiss lief in Strömen und ich hoffte, dass diese Warterei bald vorbei sein würde. Immerhin schien die Schlange hier schneller vorwärts zu kommen. Aber es waren um die 100 Nummern vor mir da. Hinzu kam, dass durch den Sonnenwandel langsam auch der Schatten von meinem Platz verschwand. Ich suchte nach einem neuen Platz. Endlich konnte ich mir einen Schattenplatz weiter vorne ergattern. Ich rückte dem Ziel näher. Immer wieder versuchte ich zu lesen. Doch verursachten die vielen Stimmen recht grossen Lärm, ausserdem machte mir die Hitze zu schaffen. Dann gab es plötzlich einen grosse Aufregung vorne bei den gedrängt stehenden Leuten. Ein Gendarm hatte versucht, diese Leute wieder weg zu scheuchen. Sie begannen, sich lauthals zu beschweren, einige wurden unter einander handgreiflich. Es begann ein beängstigendes Stossen und Schieben. Ein paar waren sehr aggressiv geworden und stiessen die Menschen vor und neben sich heftig weg. Plötzlich waren viele Gendarmen im Einsatz und holten die Unruhestifter aus der Menge. Der Rest wurde vom Platz verwiesen. In der Folge wurde der Platz durch die Ordnungskräfte gesichert. So sah und hörte ich besser, was vorne vor sich ging, Und dann endlich, nach Stunden, durfe ich an einen der Schalter. Und ich bekam meinen neuen Ausweis! Hallelujah! Wie froh war ich, als ich nach Hause fuhr, dass ich das alles wieder einmal geschafft und hinter mir hatte. Ufffffff!!!

Mme. Ruth, Dakar, 12.10.2020

4 Gedanken zu “Amts-Maraton

  1. Hallo Myriade
    Ja, vielleicht auch das.
    Doch der Fahrausweis wurde in allen ECOWAS-Staaten eingeführt. Dazu gehört auch der Senegal.
    Ausserdem ist die neue Karte viel handlicher als das alte „Leintuch“ von vorher. 😉
    Ihnen herzliche Grüsse aus dem fernen Süden
    Mme. Ruth

  2. Liebe Madame,
    Auf Ihre Afrikaberichte lauere ich regelrecht, weil Sie dieses Land und seine Menschen so fühlbar und auch anschaulich beschreiben. Afrika ist auch die Wiege der Geduld und ich mit meiner Angststörung vor massenhaft Menschen, wäre dort ganz schön aufgeschmissen und würde dauernd umfallen vor Schreck. Was ist denn ein „großer Boubou“? Eine Art Kaftan oder das wozu die Araber „Djellabah“ sagen?
    Liebe Grüße aus dem herbstlich kalten Deutschland,
    Amélie

    1. Liebe funkelnde Fee!
      So schon, on Ihnen zu hören! Und sie mögen meine Texte immer noch! Da freut sich mein Herz enorm!
      Ja, der Boubou ist ein festliches, weites Gewand, welches über einem Kaftan und einer Art Pluderhose (Thiaya) getragen wird. Auf Google können Sie unter Boubou viele Bilder davon finden. Es sind immer wunderschöne Kleider aus edlen Stoffen (Brokat) mit Stickereien und Applikationen reich geschmückt.
      Ihnen herzliche Grüsse aus einem sehr, sehr heissen Senegal am Ende der Regenzeit. 😉
      Ihre Mme. Ruth

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