Abendspaziergang im Ramadan


Jeden Abend mache ich einen kleinen Spaziergang durch unser Quartier in Dakar. Normalerweise sieht man dabei die Menschen von der Arbeit nach Hause kommen, Kinder und Jugendliche spielen auf dem Sportplatz Korbball oder Fussball, einige Personen machen wie ich ihre Abendrunde. Normale, abendliche Geschäftigkeit eben.

Aber im Ramadan ändert sich das Bild. Viele sind schon bei sich zu Hause und warten auf das Fastenbrechen (Ndogou). Auch sonst sind die Strassen sehr ruhig. Auf dem Sportplatz sind wenige Jugendliche, die dort Krobball spielen. Die Fussballer und die Zuschauer sind nicht da.

Diejenigen, die noch nicht zu Hause sind, fahren viel zu schnell durch die löchrigen Quartierstassen. Sie haben es eilig, rechtzeitig zum Fastenbrechen zu kommen. Auch einige Scooter schwirren um mich herum. Staub wirbelt unangenehm auf.

In unserem Quartier gibt es viele Wächter, die normalerweise vor ihren Häusern sitzten. Im Ramadan dösen sie tagsüber vor sich hin. Aber am Abend werden sie lebendig. Jede Strasse hat einen Treffpunkt. Dorthin werden Stühle, Geschirr und Gaskocher getragen. Der Ndogou wird vorbereitet. Sie beginnen ihren Kaffee Touba zu kochen, stellen Datteln, Wasser und Sandwiches bereit.

Auch am Strand sind die Leute der Strandbuden jetzt aktiv. Die Bayfall (religiöse Bruderschaft) stehen auf der Stasse mit ihren Kalebassen und betteln um Geld. Dieses soll dazu dienen, den Kaffee Touba, Wasser und die Datteln zu bezahlen. An diesen Orten sind der Kaffe und die Wasserbeutel dann gratis. Es wird an Passanten verteilt. An Menschen, die es nicht nach Hause geschafft haben. Diese Gruppen sieht man überall in Dakar. Dort versammeln sich dann die Menschen, die zur Fastenbrech-Zeit noch auf der Strasse sind und bekommen ihren wohlverdienten Kaffee, etwas Wasser und einige Datteln. Dies alles strahlt ein Bild des Friedens aus. Ein Miteinander teilen, zusammen die erste Malzeit des Tages ein nehmen. Immer wieder werde ich zum Ndogou eingeladen. Ich bekomme Kaffe oder sie geben mir Wasser.

Und dann Korité. Das Fest beendet den Monat Ramadan. Darauf haben seit etlichen Tagen schon die Menschen hin gefiebert. Es werden Hühnchen gekauft, denn das ist das traditionelle Gericht an Korité. Gebratene Hühnchen mit Salat und Frites oder mit Vermicelles (ganz feine Teigwaren). Und vor allem mit viel scharfer Zwiebelsauce. Ich freue mich immer auf dieses Festmahl. Auch werden für die ganze Familie neue, festliche Kleider genäht. Einige Tage zuvor ist eine zunehmende Geschäftigkeit und Hektik feststellbar. Die Preise für Nahrungsmittel steigen und alles wird recht teuer. Die Supermärkte und Quartiermärkte sind vollgestopft mit Menschen, die für das Fest einkaufen.

Am Abend von Korité mache ich natürlich auch meinen Spaziergang. Ich sehe festlich gekleidete Männer, Frauen und Kinder, welche in ihren bunten, neuen Boubous (langes Gewand) durch die Strassen schlendern. Sie besuchen oft auch ihre Nachbarn. Dies ist ebenfalls ein sehr schöner Brauch hier. Ueberall begegnen mir Menschen, die mir zurufen: „Balma Akh Balnala Akh, Yalla Naniou Yallah Bolé Bale! Deveneti!“ So wird um Verzeihung gebeten. Die Mitglieder der Familie, die Freunde, Nachbarn, vergeben und bitten ebenfalls um Verzeihung. Auch ich erfahre diese Ehre und selbstverständlich antworte ich entsprechend.

Ueberall begegne ich zurfriedenen Gesichtern. Die Leute sind fröhlich und alle sprechen mit allen. Dazwischen Kindergruppen, welche von Haus zu Haus gehen, klingeln und dann einige Münzen bekommen. Natürlich wird auch an meine Türe geklopft und natürlich habe ich schon die Münzen bereit gestellt. Lachende Kindergesichter die mir alles Gute wünschen, sich bedanken und dann zufrieden weiter ziehen.

Ich fühle, wie diese Freude, diese Zufriedenheit auch auf mich übergeht. Ich fühle mich beschwingt und leicht. Gerne antworte ich auf die mir zugerufenen Spässe, Grüsse fröhlich zurück und fühle mich total lebendig, inmitten dieser friedlichen Stimmung.

Möge uns dieser Frieden möglichst lange erhalten bleiben!

Amine

Mme. Ruth, Dakar, 14.02.2021

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